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Ein Geschenk für meine Mutter

Nature morte, tote Natur, nannte man einst die Kunstgattung, die Kaja Grope in ihrer Arbeit „Ein Geschenk für meine Mutter“ wiederbelebt. Tote Natur? Wiederbeleben? Stillleben oder stilles Leben? Die Fotografin senkt ihre Stillleben in flache Bildkästen auf  weiß lackierte Podeste von unterschiedlicher Höhe ein, die in lockerer Reihung vor und zurück springend angeordnet sind. Die Präsentation erinnert an Schauvitrinen mit heimischen Pflanzen in den Naturkundemuseen oder an Heimatkundemuseen mit Fundstücken aus dem täglichen Leben der Menschen einer Region. Aber die Kästen sind niedriger, und der Betrachter muss sich beugen, um von oben, ohne durch störendes Glas blicken zu müssen, ganz unmittelbar auf und in die Bildkästen hineinzuschauen.
Der Kamerablick fiel ebenfalls von oben auf die Dinge, Pflanzen und Blumen, die es dort unten zu sehen gibt. Es sind sehr kleine und persönliche Dinge, denen man in den Schaukästen begegnet: ein Nadelkisssen auf blaugestreiftem Stoff, Scherben einer Sammeltasse mit Goldrand, ein kleiner silberner Herzanhänger. Es sind auch rätselhafte Dinge zu sehen: ein zum Quadrat gefalteter Zettel in Pink auf weißem Karostoff, eine Untertasse Ton-in-Ton auf einem hellen Stück Frottier. Alle Dinge, die dort als Bilder bewahrt werden, wurden einmal gebraucht, sie tragen die  Spuren ihrer Verwendung. Sie haben ihre kleine, private Geschichte, die wir nicht kennen, und die uns dennoch bekannt ist. Sie erinnern an die hinterlassenen Dinge, die wir selber besitzen: Dinge, die uns kostbar sind, weil sie uns an die Menschen erinnern, die sie besaßen. Die Dinge gibt es noch, die Menschen sind nicht mehr da. Es ist der sorgsam behütende Blick, den Kaja Grope durch ihre Kamera auf die hinterlassenen Dinge wirft, der sie aus ihrer alltäglichen Umgebung löst und ihnen in Einsamkeit einen Ort der Erinnerung zuweist.
Zwischen den Schaukästen mit den stillen Dingen trifft man in gleicher Inszenierung auf Bildkästen mit dem blühendem Leben zarter Wiesenpflanzen, die als Streublumen oder zu bescheidenen Sträußen arrangiert auf dem Wald- und Wiesenboden, auf Holz oder Stein niedergelegt wurden. Die Natur zeigt sich in der Nahsicht der Bildausschnitte so üppig und sprießend wie fragil und verletzlich. Das feingliedrige, saftige Grün, die offenen, leuchtenden Blütenkelche offenbaren ein kraftvolles Leben und eine prunklose Schönheit im Kontrast mit dem dunklen Bildgrund aus totem Holz, kaltem Stein oder verdorrtem Gras. Das Blühende trifft auf das Tote. In der Zusammenschau der Fotokünstlerin gehört beides zusammen und verdichtet sich zu einer schönen, kunstvollen Allegorie des Lebens und der Sterblichkeit.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Kaja Grope eine Fotografin im ursprünglichen Sinn ist: Sie fotografiert analog. Es geht in der Arbeit um das Bewahren einer Spur, im Sinne des Barthes’schen Noema der Fotgrafie: „ça a été“ – es ist so gewesen. Die hinterlassenen Dinge, die Kaja Grope zu Erinnerungsbildern in Schaukästen zusammengetragen hat, und die Bilder der auf Wald- und Wiesenboden niedergelegten Pflanzen tragen in sich eine „physische Spur des Wirklichen“, welche die analoge Fotografie zu bewahren sucht. Diese physische Spur transportiert eine Ähnlichkeit der abgebildeten Dinge durch Licht-Berührung. Die Nahsicht, die Dinge wie Pflanzen zum Greifen vor Augen führt, weckt das Bedürfnis nach Berührung. Doch die Bilder zeigen nur und behaupten mehr eine Präsenz der Dinge, denn sie verwehren eine Berührung im körperlichen Sinne.
Die viel stärkere Berührung, das zeigt die Fotoarbeit „Ein Geschenk für meine Mutter“, ist die mentale Erinnerungsarbeit, welche die Bilder bei ihren Betrachtern in Gang setzt. Die Erinnerungsbilder beleben und bewegen den Menschen, der mit ihnen hantierte. Es beginnt so ein stummes Zwiegespräch mit der „Mutter“. Die zum Leben erweckten Blumenbilder werden zur mentalen Gabe. Sie sprechen von Dankbarkeit und Trauer der Erinnernden.

Christiane Kruse, Katalog anlässlich der Ausstellung "Gottfried Brockmann Preis 2013", Stadtgalerie Kiel, Kiel 2013.

Always the same faces (Kaja Grope & Karin Kreuder)

„Always the same faces. Aus dem Alltag philippinscher Seeleute” versucht einen Blick hinter die Kulissen eines Doppellebens zu werfen. Für ihre Bildreportage haben Kaja Grope und Karin Kreuder sechzehn Tage mit philippinischen Seeleuten in deren Welt auf einem Containerschiff verbracht. Verbunden haben sie dies mit jeweils fünf Tagen in den Häfen von Rotterdam und Hongkong sowie drei Wochen in deren Heimat, auf den Philippinen. Unterschiedlichst konnten sie hier einen Eindruck von der Welt und dem Leben der philippinischen Seeleute erhalten, indem sie zum Teil in den Familien leben durften, ihren Alltag direkt miterleben konnten. Ausgangspunkt ihrer Reise war das Interesse an dem Leben und dem Alltag der Seeleute, die zwischen zwei Welten pendeln, die zehn Monate auf See nutzen um den Unterhalt für ihre Familien zu bestreiten, mit denen sie die restlichen zwei Monate des Jahres verbringen können. Entstanden ist ein fotografischer Essay, der ihre Blicke auf den Alltag der Seeleute Blicke nachzeichnet. So sieht man zum Beispiel ein Porträt oder den Blick auf Mücken an einer Neonröhre, den Ausblick vom Containerschiff aufs Meer und eine Aufnahme der Kinder zuhause. Der Blick auf eine Fotowand zeigt die Ausschnitte der Heimat, welche die Seemänner sich mitgenommen haben, deren Erinnerung sie erhalten möchten.
„Fotografie ist immer subjektiv“ und „die Fotografie kommt aus der Welt, nicht aus Dir selbst.“ Mit dieser Aussage beziehen Kaja Grope und Karin Kreuder eindeutig Stellung in einem Diskurs, der seit Erfindung des fotografischen Mediums Subthema jeder Abhandlung über Fotografien ist. Das fotografische Bild, auch das abstrakte, wird stets in Beziehung zu seinem Referenten gedacht, zu dem, was während des Akts des Fotografierens vor dem Objektiv der Kamera gewesen ist. Und gerade journalistische Fotografien bzw. Bildreportagen werden häufig auf ihren Evidenzcharakter reduziert. Im Sinne des immer wieder zitierten Roland Bartheschen „Es ist so gewesen“ wird die faktische Realität des fotografierten Referenten damit betont. Der Blick des Fotografen als externe Person von außen auf das Geschehen wirkt hierbei unterstützend für eine vermeintliche Objektivität.
Was passiert nun, wenn ein Autorinnenduo die individuelle Autorschaft in den einzelnen Bildern nicht erkennen lässt, dennoch bildsprachlich vorgibt, einen persönlichen Blick zu liefern, wie es Kaja Grope und Karin Kreuder in ihrem Fotoessay getan haben? Welche Aussagen trifft dies über die Möglichkeiten einer Fotoreportage?
Quasi als Außenseiterinnen haben sich Kaja Grope und Karin Kreuder zweimal in ihnen unbekannte Welten begeben, um diese in analogen Fotografien zu vermitteln: zum einen in die hermetische Welt auf dem Containerschiff und zum anderen in den familiären Alltag auf den Philippinen. Die entstandenen Fotos lassen Rückschlüsse auf den vorgefundenen Alltag mit seinen Freuden und Problemen zu und zeigen gleichzeitig Blicke auf, die Blicke der Fotografinnen. Es ist eine subjektiv aufgeladene Fotografie, die Eindrücke vermittelt. Dadurch, dass nicht erkennbar ist, welcher Blick, welcher Fotografin des Autorinnenduos zuzuordnen ist, spiegeln sie den Grundcharakter der Fotografie an sich wider. So ist die Fotografie, auch die analoge, niemals der ungefilterte Blick auf eine äußere Welt, sondern gleichzeitig auch der Spiegel des Blickes der Person hinter der Kameralinse; der fertige Abzug der Ort, an dem die Schnittstellen zwischen Außen und Innen, Subjektivität und Objektivität sich durchkreuzen und manifestieren.

Peter Kruska, Katalog anlässlich der Ausstellung "Regionale 1. Aus der Region", Stipendiatinnen und Stipendiaten des Landes Schleswig Holstein, Kunstverein Lübeck, Kiel 2012.